Geistliches Wort - Thomaskirche Kempen

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Geistliches Wort
Stille Nacht

Der Wecker klingelt am Morgen. Noch einmal kurz umdrehen – aber dann rasch das Licht anschalten, damit man nicht gleich wieder einschläft - und das Radio. Die neuesten Nachrichten oder die Lieblingsmusik machen munter. Wann geht bei Ihnen der Fernseher an? Manchen kommt es gar nicht mehr drauf an, welches Programm läuft. Hauptsache, es sind Stimmen in der Wohnung zu hören... Können Sie auch Stille nur schwer aushalten?

In den vergangenen Monaten habe ich mich oft nach Lautlosigkeit gesehnt. Rund um die Thomaskirche wurden die Straßen für neue Abwasserohre und Fernwärmeleitungen aufgerissen. Sowas muss sein, keine Frage. Aber wenn die Arbeit mal Pause hat, spürte ich wieder, wie wohltuend Stille sein kann. Aber nur kurz! Kaum ruhten die Bauarbeiten, konnte ich von meinem Balkon aus regelmäßig erleben, wie ein einzelnes Motorrad die herrliche Sonnenuntergangsstimmung zerriss. Ist Ruhe inzwischen Luxus?

Jetzt liegt wieder der Advent vor uns. Eigentlich eine Gelegenheit zum Stillwerden, zur Einkehr. Tatsächlich aber gehören diese Wochen zu rummeligsten Zeit des Jahres. Kein Weihnachtsmarkt ohne Beschallung. Kunstlicht und Kitsch aus dem Lautsprecher: „Stille Nacht“ windet sich gnadenlos in die Windungen des Gehörgangs.

Ich weiß auch von Menschen, denen es arg zusetzt, wenn es zu Hause still wird. Dann kommen Erinnerungen in den Sinn, die man lieber abschütteln möchte. Es kehren die wütenden Stimmen aus dem letzten, endgültigen Streitgespräch zurück. Die Gedanken drehen sich wieder und wieder im Kreis. Wie wird man das los?

„Stille Nacht“ ist ein heimlicher Hit. Nicht jeder gibt es zu, dass ihn die Melodie und die einfachen Verse berühren, wenn sie im angemessenen Rahmen erklingen. Leider wird zu oft und völlig unpassend abgespielt. Und doch: Kommt nicht die Stimmung, die darin liegt, einer verborgenen Sehnsucht ziemlich nahe? Stille zu erleben, ohne dass es schmerzt. Gleichzeitig Zeit und Ewigkeit zu spüren. Im Frieden sein? Ich weiß nicht, wie still es damals zuging, als Jesus geboren wurde. Der Lärm aus dem überfüllten Bethlehem. Die Hirten, die plötzlich auftauchten. Das Kind, das bestimmt ordentlich geschrien hat wie alle Neugeborenen? Und doch gab es diesen Moment des Friedens, den Maria und Josef erlebten. Nach all den Strapazen des Weges von Nazareth nach Bethlehem, die Stadt Davids, nach all dem Geschubse und sicherlich unfreundlichen Kämpfen um eine Herberge auf einmal Ruhe. Gott begegnet uns in der Stille. Auf einmal ist sie da und erfüllt einen mit purem Glück: Christ der Retter ist da! Trauen Sie den ruhigen Momenten!

Michael Gallach
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